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Text und Bilder von Hansjürg Kummer - Vorgeschichte Der Tokyo Marathon fehlte mir noch, um den 6. Stern zu erhalten. Hoch ist der Stau an LäuferInnen, denen nur noch Tokyo zum Erhalt der lang ersehnten 6-Star Finisher-Medaille fehlt. Ich habe nun 7 Jahre gewartet, bis ich einen Startplatz bekam. Die Zeit wurde langsam knapp, da ich schon einige Jahresringe aufweise. Den Startplatz bekam ich über ein deutsches Reisebüro, da ich dort Stammkunde bin. Das Reisebüro ist auch das einzige, das im Anschluss eine Rundreise anbietet. Wenn wir schon in Japan sind, möchten wir diese Gelegenheit nutzen. Zuerst musste noch abgeklärt werden, ob ich als Schweizer überhaupt mit einem deutschen Reisebüro mitreisen kann. Die Japaner sind scheinbar sehr strikt, denn der Anbieter könnte nach eigenen Aussagen dadurch seine Akkreditierung verlieren. Soviel mal zur Genauigkeit und Organisation der Japaner. Bei mir hat es geklappt. Habe auch ein 20-seitiges Runners-Handbuch des Marathon-Organisators erhalten, das genau zu studieren ist. Da wird beschrieben, wo die Notdurft zu verrichten ist, bitte nehmen sie den Müll mit, werfen sie keine Kleidungsstücke weg, laufen sie nicht halbnackt, machen sie keine Werbung, laufen sie nicht durch Blumenbeete usw. Es wird auch beschrieben, wie die Startnummer Ausgabe erfolgt, wie der Start- und Zielbereich funktioniert. Es sind keine Trinkflaschen erlaubt. Wie verhalte ich mich bei einem Erdbeben (wir hatten eins in der Nacht von Donnerstag auf Freitag). Ein paar Zahlen Japan ist flächenmässig gleich gross wie Deutschland, hat aber ca. 50 Mio mehr Einwohner. Japan ist nur auf einer Fläche von 30 % bewohnbar, dadurch ist alles wie in einem Ameisenhaufen. Es gibt 35 Vulkane, davon sind noch 17 aktiv. Tokyo hat 9.7 Mio Einwohner, inklusive den 23 Bezirken sind es 38.5 Mio. Die grösste U-Bahn-Station Tokyos hat 42 Aus- Eingänge und 12 Mio Fahrgäste täglich. Finde da mal den richtigen Ausgang, Hänsel & Gretel lassen grüssen. Tokyo Marathon Seit 2013 ist der Tokyo-Marathon Teil der World Marathon Majors und somit der einzige Marathon dieser Serie, der in Asien stattfindet. Der Tokyo Marathon geniesst einen hervorragenden Ruf, allerdings gilt es als schwierig, einen Startplatz zu erhalten. Ein Grossteil der 38‘000 Startplätze wird über ein Losverfahren vergeben, wovon wiederum der Grossteil für japanische Teilnehmer vorgesehen ist. Weitere Möglichkeiten, einen der begehrten Startplätze zu erhalten, sind schnelle nachweisbare Zeiten bei anderen Läufen, Männer in der offenen Klasse unter 2.45 Std., Charity Organisationen oder Reiseveranstalter. Die Charity-Spenden 2024 betrugen 5,128 Mio CHF. HelferInnen Es werden über 10'000 HelferInnen benötigt. Die Anmeldungen waren so hoch, dass eine Auslosung stattfand. Die HelferInnen müssen sich verpflichten, je nach Einsatz und Aufgabe einen 1 – 3-tägigen Kurs zu absolvieren. Es geht los Am 28.02.2024 ging es endlich los. Vor uns liegt ein 12 Std.-Flug von Frankfurt nach Tokio mit 8 Std. Zeitverschiebung. Neben Jet-Lag und Reisestress ist auch die Ernährung im Blick zu behalten. Aber das macht die 6-Star-Reise ja so spannend. Vor dem Lauf – Expo Das Abholen der Startunterlagen im Rahmen der Marathonmesse verlief sehr schnell und unkompliziert. Gegen Abgabe der Startbestätigung und vorzeigen eines Ausweises (Personalausweis oder Reisepass) werden die Unterlagen abgegeben (Startnummer mit Chip, T-Shirt). Auf der Startnummer sieht man, in welchem Block und Sektor man sich hinstellen muss. Bevor man die Startnummer erhält, wird man mit einem Armband versehen. So wird sichergestellt, dass auch tatsächlich der gemeldete Läufer im Startbereich erscheint. Das Messeangebot in Tokyo ähnelt dem der Messen auf den anderen World-Marathon-Majors-Veranstaltungen. Einziger sofort bemerkbarer Unterschied ist der Geräuschpegel. Dieser liegt in Tokyo dank zahlreicher «mikrofonbewehrter» Ausstellungs- und Veranstaltungsstände deutlich höher! Im Anschluss an die Messe gingen wir noch auf den Tokyo Skytree Tower, die Aussicht und das Wetter waren super. Wir besuchten anschliessend die Shibuya Crossing, die meist frequentierte Kreuzung der Welt. Pro Grünphase überqueren 2‘500 Leute die Kreuzung (kreuz und quer, zu Spitzenzeiten bis 12’000). Die JapanerInnen sind sehr diszipliniert; deshalb funktioniert dies reibungslos und ohne Zwischenfälle. Friendship-Run Am Samstag fand noch der Friendship-Run statt, es waren ca. 5 km zu laufen. Da sind die LäuferInnen in den Landesfarben geschminkt und tragen Fahnen und Kleider ihres Landes. Nach dem Run besuchten wir den Sensoij-Tempel in Asakusa. Marathon Tag Am Morgen des Laufs fuhren wir um 6.30 Uhr mit zwei Bussen (vom Veranstalter zur Verfügung gestellt) durch die sonntäglich ruhige Innenstadt von Tokyo zum Start (Fahrtzeit ca. 25 Min.). Überhaupt war die Organisation des Marathons bis in jedes kleinste Detail absolut perfekt! Die Japaner sind sehr exakt, und wenn man den Instruktionen folgt, kann eigentlich nichts schiefgehen. Auch im Bereich Sauberkeit ist dieser Grossevent wirklich topp. Es ist alles sehr sauber und interessanterweise scheinen sich die Teilnehmer auch sehr diszipliniert an die Regeln zu halten, man will ja nicht auffallen oder am Ende gar noch disqualifiziert werden. Der Zugang zum Startbereich war wie im Flughafen. Kontrolliert wurde Armband, Startnummer und Beutel (es sind keine eigenen Flaschen, Dosen u. ä. erlaubt), nur Gel. Bis 08.45 Uhr musste man sich in seinem Startblock einfinden, wer später dran war, musste sich hintenanstellen. Die morgendliche Temperatur an diesem Sonntag betrug circa 4° Celsius und sollte sich bis zum Mittag auf maximal 10° Celsius steigern. Das Wetter während des Laufs war teils sonnig und teils bewölkt mit leichtem Wind im Hafenbereich. Beim Start hatte ich als Kälteschutz einen Poncho aus Plastik und darunter eine Sweatshirt-Jacke (über meinem Laufshirt) an. Kurz vor der Startlinie konnte man die Kleider in bereitgestellte Boxen entsorgen, was ich auch tat. Am weltgrössten Rathaus dem «Tokyo Metropolitan Government Building» startete der Marathon bei herrlichstem Laufwetter. Pünktlich um 9.10 Uhr wurden erst die Elitesportler über die Starlinie geschickt. Ich startete 15 Minuten später meinen Lauf und wurde dabei etwas überrascht, wie ruppig es doch hier zuging. Das hat mich bei all der japanischen Ordnung und Höflichkeit, die sonst an den Tag gelegt wird, etwas erstaunt. Der Tokyo-Marathon ist ein riesiges Ereignis und eine sportliche Reise durch die weltweit grösste Stadt. Tokyo ist die mit Abstand sauberste Grossstadt, die ich je gesehen habe. Man sieht keinen Abfall auf den Strassen und Trottoirs! Auch die Laufstrecke ist frei von Müll. Selbst an den Getränke- und Verpflegungsstationen bemühen sich fast alle Läufer, Müll (Becher, Bananenschalen usw.) in die bereitstehenden Kartons zu werfen. Sollten doch LäuferInnen ihren Becher stattdessen auf die Laufstrecke fallen lassen, so würde ich diesen Personen eine nicht-japanische Nationalität unterstellen. Die Sauberkeit der Stadt dokumentiert sich auch im völligen Fehlen von Graffiti an Wänden. Die ausschliesslich asphaltierten mehrspurigen Strassen, inmitten von Wolkenkratzern, führten durch 12 Stadtteile, vorbei an riesigen Shopping-Centern und historischen Highlights wie dem Sensoji-Tempel, dem Kaiserpalast und dem Meiji-Schrein. Die unglaublich freundlichen und hilfsbereiten Japaner jubelten uns voller Wertschätzung zu. Die Startaufstellung lässt schon vor dem Lauf erahnen, dass nicht-japanische TeilnehmerInnen in der deutlichen Minderheit sind. Da auch der Frauenanteil im Vergleich zu den übrigen Majors Marathons viel niedriger ist, hat der Lauf einen stark männlichen und japanisch geprägten Charakter. Musikalische Unterstützung erhalten die Läuferinnen und Läufer während der Strecke auch. Ungefähr zehn – meistens vielköpfige – Musik- und Tanzgruppen trugen mit ihren musikalischen und tänzerischen Aufführungen zur Unterhaltung und Anspornung der LäuferInnen bei. Die Getränkestände waren sehr lang. Vorbereitete Pappbecher waren leicht zu greifen oder wurden alternativ von vielen sehr freundlichen HelferInnen gereicht. Auf der Startnummer war die letzte Zahl wichtig betreffend der Getränkestände. Die Tischnummer muss mit deiner letzten Zahl auf der Startnummer übereinstimmen, ansonsten wirst du höflich weitergeschickt. Die ersten 6 – 7 Kilometer ging es leicht bergab und danach war die Strecke flach. Das Laufen war angenehm, und schon oft wurden hier Bestzeiten erzielt, auch im 2024. Ich hatte oft das Gefühl, von der Läufermasse wie von einem Sog mitgezogen zu werden. Die zweite Hälfte der Strecke gestaltete sich ausschliesslich aus aufeinanderfolgenden Pendelläufen, oberflächlich betrachtet sieht sie wie ein Kreuz aus. Auf einer Strassenseite ging es einige Kilometer in eine Richtung, um dann nach einer 360°-Wende auf der anderen Seite zurückzulaufen. So konnte ich immer die bunte Läufermasse beobachten und hatte einen Blick auf die Schnelleren und deren Verfolger. Hierzu hörte ich folgende zwei konträre Meinungen: Eine Gruppe sieht diese Pendelstrecke psychologisch negativ, da einem Mittelklasseläufer beim «Hinweg» schon Läufer entgegenkommen. Eine andere Gruppe, zu der auch ich gehöre, sieht die Streckenführung positiv, weil z. B. 4 Std.-Läufer ca. bei km 11 die Chance haben, die Spitzenläufer auf der Gegenfahrbahn live zu sehen. Auch sieht man bei diesen Pendelstrecken deutlich grössere Teile des riesigen Läuferfeldes, als dies bei einer klassischen Streckenführung der Fall ist. Es gibt total 9 Kontrollpunkte, die in einer festgelegten Zeit passiert werden müssen, ansonsten wirst du aus dem Rennen genommen. Die maximale Zeit ist auf 7 Std. festgelegt. Die letzten 10 km sind ja immer die schwersten. Jedoch die Gewissheit, dass das Ziel in greifbarer Nähe ist und der Wille, diesen Marathon als den sechsten Lauf der World Marathon Majors Serie zu finishen, treiben mich voran, und trotz der Schmerzen und den aufkommenden Krämpfen geht es einfach immer weiter. Der letzte Kilometer war für mich der schönste Abschnitt und führte uns nach dem Schild «1 km to the finish» durch eine deutlich ruhigere Strasse. Wie Musik in meinen Ohren hörte ich nur noch die rhythmischen Laufgeräusche der Marathonläufer und hatte die ersten Glücksgefühle und Tränen in den Augen. Nach 800 m liefen wir noch einmal eine Linkskurve und nach 200 m hatte ich, mit der Sonne im Gesicht, das Ziel an der Tokyo Station erreicht. Nach Überqueren der Ziellinie wurden die Läufer wieder in verschiedene Bereiche geleitet, abhängig von der Farbe der Startnummer. In den jeweiligen Bereichen gab es Wasser, anschliessend die lang ersehnte Finisher-Medaille, die mit einer persönlichen Gratulation überreicht oder umgehängt wurde und einen kleinen Beutel mit Zielverpflegung. Diese war allerdings sehr dürftig (Erdnussbuttertoast, Wasser, Banane und ein Recovery-Brei). Es folgte die Aushändigung eines schön bedruckten Ponchos – als sinnvolle Alternative zu einer Wärmefolie – mit den Worten «The day we unite» und des Datums des Marathon-Laufes in Tokyo. Anschliessend bin ich auf den 6-Star Highway eingebogen und habe die spezielle World Marathon-Majors-Six-Star-Medaille abgeholt. Es war ein «saugutes» Gefühl. Mein persönliches Fazit:
Ein absolut perfekt organisierter Marathonlauf in einer höchst attraktiven Stadt mit einer Streckenführung, die an vielen städtischen Höhepunkten vorbeiführt. Die überaus menschliche Anteilnahme und Wärme aller HelferInnen an der Strecke und im Zielbereich bleiben in bester Erinnerung. Für mich war der Tokyo Marathon ein grossartiges, unvergessliches Erlebnis.
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