All (Blacks) Inclusive - Der Blog rund um All Blacks Thun...
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Der Blog rund um All Blacks Thun...

All (Blacks) Inclusive

Tokyo Marathon 2024 – Der sechste Stern

9/30/2024

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Text und Bilder von Hansjürg Kummer -
Vorgeschichte
Der Tokyo Marathon fehlte mir noch, um den 6. Stern zu erhalten. Hoch ist der Stau an LäuferInnen, denen nur noch Tokyo zum Erhalt der lang ersehnten 6-Star Finisher-Medaille fehlt. Ich habe nun 7 Jahre gewartet, bis ich einen Startplatz bekam. Die Zeit wurde langsam knapp, da ich schon einige Jahresringe aufweise. Den Startplatz bekam ich über ein deutsches Reisebüro, da ich dort Stammkunde bin. Das Reisebüro ist auch das einzige, das im Anschluss eine Rundreise anbietet. Wenn wir schon in Japan sind, möchten wir diese Gelegenheit nutzen. Zuerst musste noch abgeklärt werden, ob ich als Schweizer überhaupt mit einem deutschen Reisebüro mitreisen kann. Die Japaner sind scheinbar sehr strikt, denn der Anbieter könnte nach eigenen Aussagen dadurch seine Akkreditierung verlieren. Soviel mal zur Genauigkeit und Organisation der Japaner. Bei mir hat es geklappt.
Habe auch ein 20-seitiges Runners-Handbuch des Marathon-Organisators erhalten, das genau zu studieren ist.
Da wird beschrieben, wo die Notdurft zu verrichten ist, bitte nehmen sie den Müll mit, werfen sie keine Kleidungsstücke weg, laufen sie nicht halbnackt, machen sie keine Werbung, laufen sie nicht durch Blumenbeete usw. Es wird auch beschrieben, wie die Startnummer Ausgabe erfolgt, wie der Start- und Zielbereich funktioniert. Es sind keine Trinkflaschen erlaubt. Wie verhalte ich mich bei einem Erdbeben (wir hatten eins in der Nacht von Donnerstag auf Freitag).
 
Ein paar Zahlen
Japan ist flächenmässig gleich gross wie Deutschland, hat aber ca. 50 Mio mehr Einwohner.
Japan ist nur auf einer Fläche von 30 % bewohnbar, dadurch ist alles wie in einem Ameisenhaufen. Es gibt 35 Vulkane, davon sind noch 17 aktiv.
Tokyo hat 9.7 Mio Einwohner, inklusive den 23 Bezirken sind es 38.5 Mio.
Die grösste U-Bahn-Station Tokyos hat 42 Aus- Eingänge und 12 Mio Fahrgäste täglich. Finde da mal den richtigen Ausgang, Hänsel & Gretel lassen grüssen.
 
Tokyo Marathon
Seit 2013 ist der Tokyo-Marathon Teil der World Marathon Majors und somit der einzige Marathon dieser Serie, der in Asien stattfindet. Der Tokyo Marathon geniesst einen hervorragenden Ruf, allerdings gilt es als schwierig, einen Startplatz zu erhalten. Ein Grossteil der 38‘000 Startplätze wird über ein Losverfahren vergeben, wovon wiederum der Grossteil für japanische Teilnehmer vorgesehen ist.
Weitere Möglichkeiten, einen der begehrten Startplätze zu erhalten, sind schnelle nachweisbare Zeiten bei anderen Läufen, Männer in der offenen Klasse unter 2.45 Std., Charity Organisationen oder Reiseveranstalter.
Die Charity-Spenden 2024 betrugen 5,128 Mio CHF.
 
HelferInnen
Es werden über 10'000 HelferInnen benötigt. Die Anmeldungen waren so hoch, dass eine Auslosung stattfand.
Die HelferInnen müssen sich verpflichten, je nach Einsatz und Aufgabe einen 1 – 3-tägigen Kurs zu absolvieren.
 
Es geht los
Am 28.02.2024 ging es endlich los. Vor uns liegt ein 12 Std.-Flug von Frankfurt nach Tokio mit 8 Std. Zeitverschiebung. Neben Jet-Lag und Reisestress ist auch die Ernährung im Blick zu behalten. Aber das macht die 6-Star-Reise ja so spannend.
 
Vor dem Lauf – Expo
Das Abholen der Startunterlagen im Rahmen der Marathonmesse verlief sehr schnell und unkompliziert. Gegen Abgabe der Startbestätigung und vorzeigen eines Ausweises (Personalausweis oder Reisepass) werden die Unterlagen abgegeben (Startnummer mit Chip, T-Shirt). Auf der Startnummer sieht man, in welchem Block und Sektor man sich hinstellen muss. Bevor man die Startnummer erhält, wird man mit einem Armband versehen. So wird sichergestellt, dass auch tatsächlich der gemeldete Läufer im Startbereich erscheint. Das Messeangebot in Tokyo ähnelt dem der Messen auf den anderen World-Marathon-Majors-Veranstaltungen. Einziger sofort bemerkbarer Unterschied ist der Geräuschpegel. Dieser liegt in Tokyo dank zahlreicher «mikrofonbewehrter» Ausstellungs- und Veranstaltungsstände deutlich höher! Im Anschluss an die Messe gingen wir noch auf den Tokyo Skytree Tower, die Aussicht und das Wetter waren super. Wir besuchten anschliessend die Shibuya Crossing, die meist frequentierte Kreuzung der Welt. Pro Grünphase überqueren 2‘500 Leute die Kreuzung (kreuz und quer, zu Spitzenzeiten bis 12’000). Die JapanerInnen sind sehr diszipliniert; deshalb funktioniert dies reibungslos und ohne Zwischenfälle.
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Der 634 m hohe Tokyo Skytree Tower.
​Friendship-Run
Am Samstag fand noch der Friendship-Run statt, es waren ca. 5 km zu laufen. Da sind die LäuferInnen in den Landesfarben geschminkt und tragen Fahnen und Kleider ihres Landes.
Nach dem Run besuchten wir den Sensoij-Tempel in Asakusa.
 
Marathon Tag
Am Morgen des Laufs fuhren wir um 6.30 Uhr mit zwei Bussen (vom Veranstalter zur Verfügung gestellt) durch die sonntäglich ruhige Innenstadt von Tokyo zum Start (Fahrtzeit ca. 25 Min.). Überhaupt war die Organisation des Marathons bis in jedes kleinste Detail absolut perfekt! Die Japaner sind sehr exakt, und wenn man den Instruktionen folgt, kann eigentlich nichts schiefgehen. Auch im Bereich Sauberkeit ist dieser Grossevent wirklich topp. Es ist alles sehr sauber und interessanterweise scheinen sich die Teilnehmer auch sehr diszipliniert an die Regeln zu halten, man will ja nicht auffallen oder am Ende gar noch disqualifiziert werden.
Der Zugang zum Startbereich war wie im Flughafen. Kontrolliert wurde Armband, Startnummer und Beutel (es sind keine eigenen Flaschen, Dosen u. ä. erlaubt), nur Gel.
Bis 08.45 Uhr musste man sich in seinem Startblock einfinden, wer später dran war, musste sich hintenanstellen.
Die morgendliche Temperatur an diesem Sonntag betrug circa 4° Celsius und sollte sich bis zum Mittag auf maximal 10° Celsius steigern. Das Wetter während des Laufs war teils sonnig und teils bewölkt mit leichtem Wind im Hafenbereich. Beim Start hatte ich als Kälteschutz einen Poncho aus Plastik und darunter eine Sweatshirt-Jacke (über meinem Laufshirt) an. Kurz vor der Startlinie konnte man die Kleider in bereitgestellte Boxen entsorgen, was ich auch tat.
Am weltgrössten Rathaus dem «Tokyo Metropolitan Government Building» startete der Marathon bei herrlichstem Laufwetter. Pünktlich um 9.10 Uhr wurden erst die Elitesportler über die Starlinie geschickt. Ich startete 15 Minuten später meinen Lauf und wurde dabei etwas überrascht, wie ruppig es doch hier zuging. Das hat mich bei all der japanischen Ordnung und Höflichkeit, die sonst an den Tag gelegt wird, etwas erstaunt. Der Tokyo-Marathon ist ein riesiges Ereignis und eine sportliche Reise durch die weltweit grösste Stadt.
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Kurz nach dem Start, vorne in der Mitte Hansjürg (mit weissem Leibchen).
​Tokyo ist die mit Abstand sauberste Grossstadt, die ich je gesehen habe. Man sieht keinen Abfall auf den Strassen und Trottoirs! Auch die Laufstrecke ist frei von Müll. Selbst an den Getränke- und Verpflegungsstationen bemühen sich fast alle Läufer, Müll (Becher, Bananenschalen usw.) in die bereitstehenden Kartons zu werfen. Sollten doch LäuferInnen ihren Becher stattdessen auf die Laufstrecke fallen lassen, so würde ich diesen Personen eine nicht-japanische Nationalität unterstellen. Die Sauberkeit der Stadt dokumentiert sich auch im völligen Fehlen von Graffiti an Wänden. Die ausschliesslich asphaltierten mehrspurigen Strassen, inmitten von Wolkenkratzern, führten durch 12 Stadtteile, vorbei an riesigen Shopping-Centern und historischen Highlights wie dem Sensoji-Tempel, dem Kaiserpalast und dem Meiji-Schrein. Die unglaublich freundlichen und hilfsbereiten Japaner jubelten uns voller Wertschätzung zu.
Die Startaufstellung lässt schon vor dem Lauf erahnen, dass nicht-japanische TeilnehmerInnen in der deutlichen Minderheit sind. Da auch der Frauenanteil im Vergleich zu den übrigen Majors Marathons viel niedriger ist, hat der Lauf einen stark männlichen und japanisch geprägten Charakter.
Musikalische Unterstützung erhalten die Läuferinnen und Läufer während der Strecke auch. Ungefähr zehn – meistens vielköpfige – Musik- und Tanzgruppen trugen mit ihren musikalischen und tänzerischen Aufführungen zur Unterhaltung und Anspornung der LäuferInnen bei.
Die Getränkestände waren sehr lang. Vorbereitete Pappbecher waren leicht zu greifen oder wurden alternativ von vielen sehr freundlichen HelferInnen gereicht. Auf der Startnummer war die letzte Zahl wichtig betreffend der Getränkestände. Die Tischnummer muss mit deiner letzten Zahl auf der Startnummer übereinstimmen, ansonsten wirst du höflich weitergeschickt.
Die ersten 6 – 7 Kilometer ging es leicht bergab und danach war die Strecke flach. Das Laufen war angenehm, und schon oft wurden hier Bestzeiten erzielt, auch im 2024. Ich hatte oft das Gefühl, von der Läufermasse wie von einem Sog mitgezogen zu werden. Die zweite Hälfte der Strecke gestaltete sich ausschliesslich aus aufeinanderfolgenden Pendelläufen, oberflächlich betrachtet sieht sie wie ein Kreuz aus. Auf einer Strassenseite ging es einige Kilometer in eine Richtung, um dann nach einer 360°-Wende auf der anderen Seite zurückzulaufen. So konnte ich immer die bunte Läufermasse beobachten und hatte einen Blick auf die Schnelleren und deren Verfolger. Hierzu hörte ich folgende zwei konträre Meinungen: Eine Gruppe sieht diese Pendelstrecke psychologisch negativ, da einem Mittelklasseläufer beim «Hinweg» schon Läufer entgegenkommen. Eine andere Gruppe, zu der auch ich gehöre, sieht die Streckenführung positiv, weil z. B. 4 Std.-Läufer ca. bei km 11 die Chance haben, die Spitzenläufer auf der Gegenfahrbahn live zu sehen. Auch sieht man bei diesen Pendelstrecken deutlich grössere Teile des riesigen Läuferfeldes, als dies bei einer klassischen Streckenführung der Fall ist. Es gibt total 9 Kontrollpunkte, die in einer festgelegten Zeit passiert werden müssen, ansonsten wirst du aus dem Rennen genommen.
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Hansjürg Kummer unterwegs
​Die maximale Zeit ist auf 7 Std. festgelegt. Die letzten 10 km sind ja immer die schwersten. Jedoch die Gewissheit, dass das Ziel in greifbarer Nähe ist und der Wille, diesen Marathon als den sechsten Lauf der World Marathon Majors Serie zu finishen, treiben mich voran, und trotz der Schmerzen und den aufkommenden Krämpfen geht es einfach immer weiter. Der letzte Kilometer war für mich der schönste Abschnitt und führte uns nach dem Schild «1 km to the finish» durch eine deutlich ruhigere Strasse. Wie Musik in meinen Ohren hörte ich nur noch die rhythmischen Laufgeräusche der Marathonläufer und hatte die ersten Glücksgefühle und Tränen in den Augen. Nach 800 m liefen wir noch einmal eine Linkskurve und nach 200 m hatte ich, mit der Sonne im Gesicht, das Ziel an der Tokyo Station erreicht.
Nach Überqueren der Ziellinie wurden die Läufer wieder in verschiedene Bereiche geleitet, abhängig von der Farbe der Startnummer. In den jeweiligen Bereichen gab es Wasser, anschliessend die lang ersehnte Finisher-Medaille, die mit einer persönlichen Gratulation überreicht oder umgehängt wurde und einen kleinen Beutel mit Zielverpflegung. Diese war allerdings sehr dürftig (Erdnussbuttertoast, Wasser, Banane und ein Recovery-Brei).
Es folgte die Aushändigung eines schön bedruckten Ponchos – als sinnvolle Alternative zu einer Wärmefolie – mit den Worten «The day we unite» und des Datums des Marathon-Laufes in Tokyo.
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Geschafft, Hansjürg Kummer mit dem wärmenden Poncho.
​Anschliessend bin ich auf den 6-Star Highway eingebogen und habe die spezielle World Marathon-Majors-Six-Star-Medaille abgeholt. Es war ein «saugutes» Gefühl.
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Die World Marathons-Six Star Medaille; mehr zu den 6 Marathon Majors im nachfolgenden Beitrag in diesem Heft.
​Mein persönliches Fazit:
Ein absolut perfekt organisierter Marathonlauf in einer höchst attraktiven Stadt mit einer Streckenführung, die an vielen städtischen Höhepunkten vorbeiführt. Die überaus menschliche Anteilnahme und Wärme aller HelferInnen an der Strecke und im Zielbereich bleiben in bester Erinnerung.
Für mich war der Tokyo Marathon ein grossartiges, unvergessliches Erlebnis.
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Expeditionsbergsteigen mit Chantal Hirt

5/15/2024

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- Chantal Hirt & Roland Riedener, Fotos von Chantal Hirt -
Wenn Chantal Hirt nicht gerade in den Bergen unterwegs ist, sieht man sie manchmal im Training bei All Blacks Thun, vor allem, wenn ein Berglauftraining auf dem Programm steht. So schnappte ich mal ein paar Worte auf über eine bevorstehende Expedition in Südamerika. Ich dachte, das könnte etwas fürs Bulletin werden.

Roland: Wie kommt es, dass du dich so gerne in den Bergen aufhältst?
Chantal: Ich bin im Toggenburg, hinter den Churfirsten aufgewachsen, zuerst in Ebnat Kappel, gleich neben dem Skilift. Aber das ist nicht der Grund. Es begann, als mich meine Mutter mit 11 Jahren in ein Kletterlager steckte. «So, da gehst du jetzt mal hin!», hiess es.  Das war der Startschuss. Draussen zu sein, das war sowieso immer mein Favorit.
Darin begründet sich auch meine Lehre als Pöstlerin «Logistikerin Distribution». Es hat mir gefallen, am Morgen 2 Stunden drinnen vorzubereiten und dann den ganzen Tag draussen zu sein, alleine, ohne Chef…

Dass ich später im Tourismus arbeiten würde, schwebte mir schon früh vor. Es war auch meine Motivation, besser Französisch zu lernen. Ich zügelte nach Lausanne für ein Jahr, arbeitete dort ebenfalls für die Post. Das Lernen von Französisch hat recht gut geklappt, einfach so, «on the Job». Aber alles in allem war es ein schlimmes Jahr für mich, wahrscheinlich war ich als junge Frau einfach überfordert. Das Leben in einer grossen Stadt mit so vielen Leuten um mich herum und dem Gefühl, trotzdem irgendwie nicht dazu zu gehören, machte mir zu schaffen.

Mein Weg ging weiter nach Samedan im Oberengadin. An der «Academia Engiadina» studierte ich mitten in der wunderschönen Bergwelt für 2 Jahre die Fächer «Tourismus, Marketing und Eventmanagement».

Zum anschliessenden einjährigen Praktikum kann man auf der Webseite des Vereins «GlaciersAlive» lesen:
«Chantal Hirt: Dipl. Tourismusfachfrau und Bergsteigerin. Durch ihr Studium an der HFT in Samedan und ihr Praktikum im Zentrum für angewandte Glaziologie hat sie den Verein «GlaciersAlive» kennengelernt. Hier übernimmt sie die Mitglieder-Verwaltung und Organisation der Exkursionen.»
Das hat mir sehr gefallen, da bin ich aufgelebt.
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Konntest du im Engadin deinem Hobby frönen?
Sehr, da war ich mitten drin. Schon mit 15 Jahren habe ich mit Skitouren angefangen, es kamen das Klettern in Fels und Eis und auch Hochtouren dazu. Alle Facetten des Bergsports haben es mir angetan.
Im Jahr 2022 bestieg ich mit meinem damaligen Partner meinen ersten 7‘000er, den Pik Lenin, den höchsten Berg im nördlichen Teil des Pamir Gebirges. Er ist mit 7‘134 m imposant hoch, vom Expeditionsbergsteigen her und bergtechnisch gesehen zwar ein eher einfacher Berg, aber mit einer Höhe, die herausfordernd ist.
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Kochen auf der Expedition zum Pik Lenin
Meine Ausbildung und diese Expedition waren eine gute Referenz, um meine heutige Anstellung in Bern zu bekommen. Ich arbeite bei «K & P» Kobler & Partner, die Bergführer, einem kleinen Unternehmen, das grossartige Bergerlebnisse in der ganzen Welt organisiert.

Erzähl uns etwas von der täglichen Arbeit, bevor wir auf diese Südamerika-Expedition zu sprechen kommen.
Ich besetze den einzigen 100 % Bürojob in der Firma und sitze vielfach alleine im Office in Bern; im Marketing habe ich noch eine Teilzeit-Unterstützung. Wir organisieren weltweit bestens organisierte Expeditionen, Hochtouren und Trekkings unter professioneller Leitung. In unserer Sparte sind wir auf der ganzen Welt ein Begriff. Wir organisieren individuelle Touren und haben auch ein reguläres Angebot. Du kannst bei uns Eiger, Mönch und Jungfrau buchen, aber auch Mont Everest-Besteigungen. Je nach Wunsch organisieren wir das ganze Paket, von der Reise über die Bergführer, das Equipment und das ganze Drum und Dran, auf praktisch jeden Berg.

Es ist meine Aufgabe, für unsere Kunden etwas auf die Beine zu stellen, etwas zu ermöglichen, das sie selber nicht organisieren können. Das ist sehr cool und hängt mit dem Event Management zusammen, das ich studiert habe.

Ich informiere die möglichen Kunden über die Anforderungen für eine Tour, was es braucht an Ausrüstung und Erfahrungen, wie es mit der Fitness und der Bergtauglichkeit aussieht usw. Schnell ist man mit den Leuten in sehr persönlichem Kontakt. Wir wollen ja, dass jede Tour gut zu Ende geführt werden kann und dass unsere Kunden wieder gesund nach Hause zurückkehren.
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Wohin führte dich die Expedition, von der du gerade zurückkommst?
Es ging auf einen der 7 Summits, den Aconcagua in Argentinien, mit 6961 m der höchste Berg ausserhalb Asiens. Das ist eine reguläre Tour, die bei uns viel gebucht wird.
So wird die Tour auf der Webseite von «K&P» beworben:
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  • Aconcagua mit Bergführer:in aus CH/AT/DE.
  • Aconcagua 360° - Aufstieg durch das wilde Valle Vacas, Abstieg durch das Valle Horcones.
  • K&P unterhalten drei Basislager am Aconcagua: Plaza Argentina, Confluencia und Plaza de Mulas.
  • Sicherheit am Berg: K&P, die einzige Agentur in Argentinien, die über Sauerstoff-Systeme, wie im Himalaya, bei einer evtl. Höhenkrankheit vor Ort, zur Verfügung stellen kann.
  • Aconcagua 360° - 1 Bergführer:in pro 4 Teilnehmer:innen.
  • Aconcagua de luxe - die Bergführer kochen in den Hochlagern.
  • Hochlager mit Komfort - Dining Tents in allen Hochlagern.
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Karte der Expedition auf und um den Aconcagua
Nach Weihnachten 2023 ging es los, Flug über Madrid, Santiago de Chile und wieder ein Stück zurück über die Anden auf Mendoza in Argentinien.

Material checken, Mietmaterial holen, Permits lösen, alles wurde von unserer Agentur vor Ort gut vorbereitet. Wir erkunden die Gegend, und nach zwei Nächten geht es mit dem Bus los zum Ausgangspunkt «Punta de Vacas» (2‘400 m). Wir freuen uns, uns endlich wieder selber bewegen zu können.
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Es geht auf einen 3-tägigen Anmarsch ins Basecamp auf 4‘200 m. Wir durchwandern unwahrscheinlich schöne, abwechslungsreiche Landschaften, sehen Guanakos und Kondore und immer wieder den mächtigen Aconcagua. Lokale Träger mit ihren Maultieren tragen unsere Ausrüstung, wir sind nur mit Tagesrucksäcken unterwegs. In den Camps können wir das Aufstellen unserer 2er-Zelte üben. Tagsüber ist es am ersten Tag noch über 30° warm, hier ist ja Sommer. Langsam laufen und viel trinken wird uns immer wieder nahegelegt, der Akklimatisationsprozess beginnt schon jetzt.
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Chantal Hirt auf dem 3-tägigen Anmarsch zum Basecamp
Angekommen im gut eingerichteten Basecamp legen wir einen Ruhetag ein. Zum Glück, denn ich fühlte mich schon auf dem ganzen Marsch nicht so gut. Ich muss beim Ankommen sogar erbrechen. Was ist es nur? Wir sind noch nicht extrem hoch gestiegen, ich war jedenfalls schon x-mal in höheren Gefilden unterwegs, ohne es auf diese Art zu spüren.

Zum Glück ist das Basecamp gut eingerichtet, da steht für die ganze Saison ein grosses Domzelt, wo man sich aufhalten kann. Nach einer Dusche und viel trinken geht es auch  wieder besser. Es gibt eine Leseecke mit grossem Kissen, man ist vom Wind geschützt, es wird für einem gut gekocht oder besser gesagt, grilliert, wir sind ja in Argentinien! Fleisch gibt es immer, und es ist auch lecker, besonders mit ein bisschen Salat oder Gemüse dazu. Tagsüber wird es immer noch um die 10°, nachts aber schon recht unter 0°, die Zelte sind morgens immer gefroren. Ein bisschen spazieren gehen und packen für die nächsten Tage ist jetzt angesagt. Es ist super Wetter, strahlend blauer Himmel, aber immer recht viel Wind.

Dann geht es hoch ins Lager 1 auf 5000 m, das sind etwa 800 Höhenmeter, Material hochtransportieren war angesagt, x-mal habe ich erbrochen. Ich bekam Angst, aufgeben zu müssen, ich der «Bürogummi» des Organisators, diejenige, die immer Auskunft gibt, da habe ich mich selber ein wenig unter Druck gesetzt gefühlt, obwohl ich grundsätzlich als Teilnehmerin dabei war. Am gleichen Tag steigen wir wieder ab und verbringen darauf wieder einen ganzen Tag im Basecamp, um unserem Körper Zeit zu geben, sich an die gestrige Anstrengung zu gewöhnen. Zum Glück fühle ich mich jetzt langsam besser, denn morgen geht es definitiv höher hinauf. Am Abend müssen wir noch zum allgemeinen Arztcheck, und unsere Führer geben uns die letzten Infos zum Ablauf der nächsten Tage.
 
Tag 7 der Expedition: Heute geht’s gaaanz langsam wieder hoch ins Lager 1. Jeder ist mit sich, dem doch eher schweren Rucksack, den gleichmässigen Schritten und den eigenen Gedanken beschäftigt. Als wir oben ankommen, gibt es Fleisch, Käse, Oliven, Kekse und Darvida… oder zumindest so etwas Ähnliches. Heute fühlen sich (im Vergleich zum ersten Aufstieg) alle gut. Trotzdem gehen wir früh schlafen.
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Tag 8: Mit schwerem Rucksack geht’s heute einen steilen Hang hoch bis es abflacht, und dann fast geradeaus ins Lager 2 auf 5520 m geht. Doch heute spüren alle, dass es deutlich kälter und vor allem windiger ist. Oben angekommen stärken wir uns und legen uns für einige Minuten in die Sonne… weil es grad nicht windet. Wir steigen wieder ab ins Lager 1. «Go high, sleep low», ist ein viel gehörter Satz im Höhenbergsteigen.
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Beim Ausruhen im Lager 1. Im Hintergrund ist ein kleines Feld Büsserschnee zu erkennen
Nachts hat es uns fast weggeblasen, zumindest fühlte es sich so an. Zugegeben, ich schlafe gerne im Zelt, aber es ist unheimlich, wenn es dir so vorkommt, als halte dein Zelt dem Wind nicht mehr stand. Entsprechend müde steigen wir am nächsten Tag mit dem restlichen Material wieder ins Lager 2 hoch. Heute erfreuten wir uns an einem super feinen Abendessen mit Fleisch und Reis und genossen einen atemberaubenden Sonnenuntergang… Müde, aber happy, gehen auch heute alle früh schlafen. Unsere Guides geben per Funk dem Basecamp Bescheid, dass wir sicher ins Lager 3 steigen und dann auf der anderen Seite des Bergs Richtung Basecamp «Plaza de Mulas» absteigen werden. Das bedeutet, dass sich die Maultiere mit unserer Ausrüstung nun aufmachen und um den Berg herumlaufen müssen, um uns Tage später bei «Plaza de Mulas» wieder in Empfang zu nehmen.

Tag 9: Wetterbedingt beschliessen wir, einen Ruhetag einzulegen. Spazieren, schlafen und Podcast hören ist angesagt. Das Wetter ist zwar besser als vorhergesagt, aber die Sicherheit geht vor.

Grundsätzlich ist der ganze Berg technisch relativ einfach, es ist vieles einfach «wandern». Nur am Gipfeltag muss man ab und zu leicht klettern. Wir haben viel Büsserschnee angetroffen, eine spezielle Schneeart, pickelhart mit aufragenden Eiszapfen, wo man fast nicht durchkommt, nicht einfach zu begehen. Ich hatte einen 60 l Rucksack zu tragen, knapp 20 kg schwer mit Mätteli, Schlafsack, Kleidern, Steigeisen, Pickel, Essen und viel Wasser (Minimum 4 Liter pro Tag).

Man ist hier oben richtig dick angezogen, etwas, das man von unseren Alpen her nicht so gewohnt ist. Man trägt auch Expeditionsstiefel, die sind besser ausgestattet als die üblichen Bergschuhe, sind höher, haben einen isolierten Innenschuh und eignen sich für extrem kalte Bedingungen.
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Tag 10: Die ganze Gruppe steigt heute mit allem Gepäck auf einmal ins Lager 3 auf 6000 m. Es wird streng heute! Schleppen, atmen, Pause, schleppen, atmen, ein Schritt vor den anderen. Kurz vor dem Lager müssen wir noch eine Steilstufe hinunterklettern. Mit Fixseilen und der super Unterstützung der 3 Führer schaffen wir das. Richtig viel essen mag heute niemand… Hier übernachten wir nur einmal, von Schlafen kann man nicht reden. Der Körper kann sich auf dieser Höhe fast nicht mehr erholen. Es wird eine kalte, windige und kopfschmerzvolle Nacht.
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Das Lager 3 auf 6000 m
Nach einem Frühstück im Zelt geht es um 4 Uhr in der Nacht los, eigentlich spät, dafür geht nach nur 2 Stunden die Sonne auf und macht die Kälte erträglicher. Eine Person kommt nicht mehr mit und wartet im Lager, zwei weitere kehren nach kurzer Zeit gesundheitsbedingt auch wieder zurück. Wir kämpfen uns vorwärts und erleben wieder einen grandiosen Sonnenaufgang.

Starke Windböen begleiten uns. Zeitweise bewegen wir uns gar auf allen Vieren. Ein Führer musste mich mal am Rucksack festhalten, ich hatte Angst, weggeweht zu werden. Wir bilden Seilschaften, nur wegen des Winds, vom Gelände her wäre es nicht notwendig. Es ist minus 20°, Windböen geschätzt von 150 km/h zerren an unseren Körpern. Wir kommen auf eine Höhe von ungefähr 6500 m, der Gipfel wäre auf 6952 m. Von unserer 12er Gruppe sind nur noch 7 Teilnehmende und 2 Führer. Ich habe langsam kalte Füsse. Unsere Guides machen uns klar, dass wir umkehren müssen, weil wir den Gipfel kaum mehr erreichen können, Sicherheit geht vor. Sollte uns auf dieser Höhe etwas zustossen, wären wir nicht mehr fähig, rasch zu reagieren. Natürlich sind wir enttäuscht, wir wissen aber auch, dass es die richtige Entscheidung ist. Der Tag wird nämlich noch lange nicht zu Ende sein!
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So steigen wir wieder ab ins Lager 3. Die einen schlürfen eine Suppe zur Stärkung, andere legen sich einfach ins Zelt. Nach dem Mittag heisst es, Zelte abbauen, alles zusammenpacken und uns Richtung Basecamp «Plaza de Mulas» auf der anderen Bergseite aufzumachen. Es sind 2000 Höhenmeter, aber in gut begehbarem, leichtem Schottergelände. Jeder verlorene Höhenmeter tut dem Körper so gut, es wird wärmer, es gibt wieder mehr Sauerstoff.
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Auf dem Abstieg am Gipfeltag zum Basecamp «Plaza de Mulas» auf der anderen Seite des Bergs
Müde, schmutzig und staubig kommen wir im Camp an. Wir freuen uns auf eine warme Dusche. Aber sie bleibt uns verwehrt, es herrscht akute Wasserknappheit im gesamten Camp. Wenigstens haben wir Zugang zu einem frischen Shirt, denn unsere Maultiere sind auch schon da. Die Dusche muss warten bis wir zurück in Mendoza sind. So ist das eben am Berg. Ein letztes Mal blasen wir unsere Isomatten auf und kuscheln uns in die Schlafsäcke.

Tag 12: Es wird nochmals ein langer Tag. Mühsam, aber dafür ein letztes Mal, bauen wir unsere Zelte ab, verstauen das Material auf die Mulis und laufen mit leichtem Gepäck los. Sehr zügig wandern wir in rund 6 Stunden das ewig lange Tal hinaus. Wahnsinnig eindrückliche Landschaftsformationen belohnen uns dafür. Eine riesige pilzförmige Wolke über dem Gipfel des Aconcagua weist auf weiterhin stürmische Winde hin – also wäre auch heute kein Gipfeltag möglich gewesen.

Angekommen beim Bus, bringt uns dieser mit unserer gesamten Ausrüstung in 3-stündiger Fahrt nach Mendoza. Kurz nach der Abfahrt schlafen fast alle ein… Gegen 22 Uhr kommen wir im Hotel an. Mehrmaliges Duschen ist angesagt, nach zweimal Haare waschen kommt immer noch braunes Wasser...

Mit ein paar anderen lasse ich es mir nicht nehmen, noch für einen Snack in die Stadt zu gehen, für unseren Führer Konrad wurde es dann ein 600 Gramm Steak!

Es bleiben 2 Tage zum Ausschlafen, Stadtbummeln, Sightseeing, Essen und Geniessen, bevor die meisten der Gruppe wieder heimfliegen.

Es war eine absolut geniale Expedition! Wunderschöne, eindrückliche Landschaft, super Guides, feines Essen und vor allem, eine gut harmonierende Gruppe. Ich für meinen Teil durfte diese Expedition als Teilnehmerin begleiten. Es war spannend, die Arbeit, die wir im Office verrichten, dann selber in Argentinien zu erleben. Für mich eine super Erfahrung, es war die zweite Expedition an einem hohen Berg, ich habe viel gelernt, was für meine Arbeit sehr wertvoll sein wird.
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Für mich ging es mit meiner Kollegin Valentina weiter auf Patagonien auf ein Trekking. Dazu mehr in einem nächsten Blog.
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Detrás de los horizontes – Hinter den Horizonten

4/9/2024

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- Simon Gfeller & Roland Riedener; alle Bilder aus dem Facebook Account von Simon -
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Simon Gfeller auf dem Umschlag seines Buches «Detrás de los horizontes»
​Im Büchergestell des Trainingslokals liegt obenauf ein Buch mit dem Titel «Detrás de los horizontes». Und wahrlich, das Buch führt einem hinter einen Horizont, von dem man glaubte, das sei jetzt die Grenze, bis dorthin ist es noch fassbar.

Auf der ersten Umschlagseite steht eine Widmung: «Für Stefan von Simon». Hmm, das muss ich mal mitnehmen und schauen, was da drin steht.

Simon Gfeller aus Unterlangenegg hat das Buch geschrieben. Simon who?

Auf Facebook sehe ich, dass viele All Blacks Thun-Mitglieder mit Simon Gfeller befreundet sind, bin ich etwa selber ein wenig hinter dem Horizont? Ein Text vom Jahr 2017, womit sich Simon vorstellt heisst:
«Seither haben sich die Dinge geändert!

Ich hätte nie gedacht, dass ich gerne laufen würde, und erinnerte mich daran, dass ich Laufen und Sportveranstaltungen in der Schule als kleine Junger gehasst hatte. Ich war klein, schrecklich schwach, langsam und sehr, sehr mager (ein richtiger Hungerturm unter den «chächen» Bauernbuben, wie er sich später mir gegenüber äusserte. Das änderte sich dann allerdings später, und wie…).

Ich hätte nie gedacht, dass Ultra-Trailrunning, jetzt, viele Jahre, später meine Sicht auf Laufveranstaltungen so verändern würde und ich so viel Motivation aufbringen könnte, um Ultra-Langstreckenrennen zu bestreiten.

Die Dinge änderten sich, als ich die Schule verliess, aufwuchs und Körper und Geist stärkte. Dann wurde ich in der Schweizer Armee zum Gebirgsjäger-Soldat ausgebildet. Neben anderen Sportarten betrieb ich auch jahrelang Karate und erlangte den schwarzen Gurt.

Das alles geschah, bevor ich mit 27 Jahren nach Spanien zog, um die Sprache zu lernen und dort zu arbeiten. Jahre später begann ich zu laufen, um mich in Form zu halten, weil ich wegen einer vor einigen Jahren erlittenen Rückenverletzung nicht mehr Karate trainieren und meinen Lieblingssport ausüben konnte. Und plötzlich fühlte ich mich sehr inspiriert beim Laufen! Das war vor fünf Jahren, als ich mit dem Laufen begann… und eine neue Ära in meinem Leben anfing.»

Roland: Dann startete also heute vor 12 Jahren die Karriere von Simon Gfeller, sie brachte ihn an die Spitze der Ultra-Trail Läufer.

Wie kommt es zu dieser Widmung an Stefan Dähler im Buch?

Simon: Mit Stefan hatte ich viel Karate trainiert. Wir erreichten beide den schwarzen Gurt. Stefan hat danach sogar eine eigene Karateschule gegründet.

Roland: Wieso bist du nach Spanien gezogen?

Simon: Nach meiner Lehre als Schreiner arbeitete ich nicht mehr auf diesem Beruf, er hat mir einfach nicht zugesagt. Ich arbeitete viel auf dem Bau, wusste eigentlich nicht so recht, was ich wollte. Gerade im Winter sind die Tage lang, du bist immer draussen, es ist kalt, und es ist dunkel, wenn du anfängst, und es ist dunkel, wenn du aufhörst.

Spanien hatte mich schon immer angezogen. Ich war jung und wollte noch etwas erleben. Da ging ich mal für drei Monate hin, um die Sprache zu lernen. Und Spanien war ganz anders, der Tagesablauf, die Traditionen und alles. Es läuft immer etwas, es ist immer viel Leben auf der Strasse. Es ist heller, und das gefiel mir sehr.

Nach diesen drei Monaten sagte ich mir, das kann es ja nicht gewesen sein. Ich gehe wieder, ich will noch mehr davon und packte die Koffer. Ich hatte den Eindruck, in Spanien sei alles irgendwie viel positiver. Ich lernte meine Frau kennen und fand auch immer Arbeit, meist administrativer Art, sei es im Tourismus, im Handel, in einer Sprachschule oder im Gesundheitswesen.

Wir leben in Benalmádena Pueblo, einer Stadt an der Costa del Sol in Andalusien mit 75‘000 Einwohnern. Im Moment lebe ich aber hier in der Schweiz und pendle immer wieder nach Andalusien. Die Prioritäten haben sich verschoben. Meine Arbeit und meine angestammte Familie hier sind der Grund. Hier möchte ich jetzt auch wieder mal Zeit verbringen.
 
Ich habe Grosses erlebt, bin viel herumgekommen, brauche eigentlich läuferisch den Leuten und mir selber nicht mehr viel zu beweisen. So viel habe ich gemacht. Klar, oft denke ich zurück, gerade letztes Jahr, wo ich an vielen Läufen wieder einen der begehrten und limitierten Startplätze bekommen hätte, um mich mit meinen Kollegen zu messen.
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Roland: Was brachte dich ursprünglich dazu, mit Laufsport anzufangen?
Simon: Ich sage mal, aus Langeweile und durch Zufall. Ich mache grundsätzlich gerne Sport und wollte auch in Spanien etwas machen. Einfach nur Fitness ist nicht so mein Ding, ich habe kein Bedürfnis, ohne Ende Muskeln aufzubauen. Da waren aber die Kollegen meiner Frau, die sich regelmässig zum Joggen treffen. «Geh doch auch mal mit!», riet sie mir. Das war der Anfang, es hat mir, zu meinem eigenen Erstaunen, gut gefallen, bis anhin hatte ich mit Laufsport wirklich überhaupt nichts am Hut. Dann habe ich weiter und weiter gemacht, regelmässig.
 
Zwischendurch nehmen meine Laufkollegen an einem sehr populären Lauf in der Gegend teil, es ist eigentlich mehr ein Marsch. Er wird von der spanischen Fremdenlegion organisiert und ist unglaublich populär. Sobald die Anmeldung anläuft, sind tausende von Startplätzen innert Minuten weg. «Jetzt komm doch auch mal mit!», legten sie mir nahe.
 
Ich bin einer, der als Einzelsportler am besten funktioniert, bin eher ein Einzelgänger, nicht gemacht für Sport in einer Gruppe. Aber dann wollte ich doch auch einmal an einem Lauf teilnehmen, einfach für mich selber. Doch ich fand gerade nichts Geeignetes in der Gegend ausser einem 124 km Lauf. Da meldete ich mich sofort an. Mein erster Lauf überhaupt sollte es werden.
 
«Geht es eigentlich noch? Du spinnst wohl! Fang doch mit etwas Normalem an, einem 10er oder einem Halbmarathon! Du kannst doch nicht gleich am Anfang eine solche Distanz laufen!». «Nein, nein, ich will etwas Richtiges machen! Das habe ich jetzt so beschlossen».
 
Und es ist mir gut gegangen, sehr gut. Ich wurde 14ter in der Gesamtwertung. Und mir war klar, das liegt mir, diese langen Distanzen, das ist jetzt etwas für mich. Ich schaute mich immer wieder nach langen Läufen um, und als ich sie in Spanien nicht mehr finden konnte, ging ich vermehrt ins Ausland.
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«Salomon Hammer Trial» 2016 in Dänemark (170 km). Das Podium mit Simon Gfeller auf dem ersten Platz.
​Im Jahr 2015, startete ich bei meinem ersten Ultra-Trail über eine Distanz von mehr als 200 km. Es war der Hexensteig Ultra-Trial mit Start und Ziel in Osterode im Südosten von Niedersachsen. Er führt über 219 km, und es gab 4‘500 Höhenmeter zu überwinden. Das war mein erster Lauf, an dem ich mich am GPS-Track orientieren musste, weil er nicht ausgeschildert ist. Bekannte Ausdauer-Athleten waren am Start, ich kannte noch nicht viele, schliesslich war ich erst seit 2,5 Jahren in der Szene.
 
Sich vom GPS leiten zu lassen war für mich ungewohnt. Wenn du zum Beispiel beim Aufstieg auf den Brocken (Berg im Mittelgebirge Harz) über ein offenes Schneefeld läufst und nirgends eine Spur siehst, wirst du schon unsicher. Wenn du für Stunden niemanden siehst, beginnst du zu zweifeln. Später bei km 95, nach der Durchquerung eines immensen Waldes, kommt man zu einem breiten, reissenden Fluss. Der Track verläuft entlang des Flusses, super! Erst nach einer halben Stunde merkte ich, dass ich auf der anderen Seite laufen müsste. Das GPS ist mit zu grossem Massstab eingestellt, deshalb habe ich es nicht bemerkt. Zurücklaufen bis zur nächsten Brücke ist angesagt. ¾ Stunden habe ich mit diesem Malheur verloren, dafür wieder viel gelernt, aber auf die harte Tour. Bei Kilometer 105, in Thale, hast du Zugang zu deiner Tasche, die man abgeben konnte. Schuhe und Kleider wechseln und verpflegen ist angesagt; 20 Minuten Pause machen ist mein Plan. Bei Dunkelheit geht es weiter. Zur Orientierung brauche ich immer wieder Zeit, es bricht den Rhythmus, vor allem wenn es parallele Wege und viele Gabelungen gibt. Ich treffe auf Matthias, einen bekannten Athleten, der schon bei einem 4-fach Ironman-Triathlon ganz vorne mitmischte. Er verletzt sich und dachte ans Aufgeben.
Bei km 145 hatte ich eine Tankstelle im Kopf, wo ich mir dann einen Kaffee gönnen würde. Um 2 Uhr nachts und bei 2° Aussentemperatur kam ich an. «Geschlossen!», eine 24-Stunden Tankstelle…
Weiter geht es, ohne etwas Warmes erhalten zu haben. Micha läuft auf mich auf. Ich merke, er muss nie auf das GPS schauen, er kennt die Strecke, hat den Lauf letztes Jahr gewonnen. Bei meinem Umweg am Fluss hat er mich überholt, in Thale nahm er sich aber mehr Zeit am Verpflegungsposten. Wir harmonieren perfekt, können einen hohen Rhythmus gehen und sind motiviert, obwohl sich die Müdigkeit mehr und mehr einschleicht. Und, wen wundert’s, die Füsse tun weh. Wie soll es weitergehen? Noch nie habe ich mich in diesen Distanzbereich vorgewagt, es ist unbekanntes Terrain!
Mehrmals stolpert Micha in der Nacht, er sagt, es sei nichts passiert, aber sein Gesicht verrät den Schmerz. Das rechte Knie macht ihm zu schaffen. Wir gehen vorwärts, sind abgekämpft, gehen aber einfach weiter, reden miteinander, halten die Pace konstant. Es wird wieder Tag, während langen Kilometern geht es komplett flach auf einem ehemaligen Bahntrassee vorwärts. Die ganze Nacht haben wir viel Weg zurückgelegt und kaum Pausen eingelegt. Wir können weit und breit niemanden sehen, weder vor noch hinter uns, d. h. wir sind an der Spitze des Laufs! Bei einem Checkpoint in Andreasberg halten wir nochmals kurz an, um uns für die letzten ca. 20 km zu rüsten. Weiter geht es ohne grosse Schwierigkeiten, wir kommen an verlassenen Checkpoints vorbei, es gilt nur, ein Blatt zu signieren.
Mein erster Lauf über 200 km nähert sich dem Ende. Noch 5 km, Micha teilt mir mit, er werde nicht um den ersten Platz kämpfen. Ich akzeptiere, wir haben uns in den letzten Stunden gegenseitig geholfen. Gemeinsam laufen wir durch das Ziel. Mit 31.24 Std. haben wir gar den Streckenrekord unterboten.
Wieder ein Ziel erreicht und einen Traum erfüllt!
 
Ich bin zufrieden und dankbar, ein hartes und doch irgendwie angenehmes Wochenende im riesigen Naturpark des Harzgebirges erlebt zu haben.
 
Roland: «Nie wieder!»: ist dir das nicht in den Sinn gekommen?
 
Simon: Nein, es gibt immer wieder neue, reizende Herausforderungen. Ich habe mich reingelebt, gemerkt, dass es mir zusagt und habe einfach weiter gemacht. Mein Körper hat das akzeptiert und sich den Belastungen angepasst, sich immer schnell und gut erholt. Wenn die Freude und die Motivation weg wären, dann hätte alles keinen Sinn, dann ginge es nicht.  Es ist nicht nur eine Sache der Physis, sondern auch der Psyche, das ist sogar das Wichtigste.
 
Mir sagen vor allem die 1-Etappen-Läufe zu. Du hast eine Startzeit und eine maximale Finisher-Zeit und dazwischen die Cut-offs, wo sie dich herausnähmen, falls du die vorgegebene Zeit nicht erreicht hast. Alles dazwischen ist dir überlassen. Die Verpflegung, die Ruhezeiten, was ich mit mir trage, was ich in die Stützpunkte gebe, sogenannte Life-Bases. Diese sind dann aber manchmal bis zu 80 km voneinander entfernt.
 
Ich setzte mir also immer wieder neue Ziele.
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Im Ziel der «EMU 6 Day Race World Trophy» 2018 am Plattensee in Ungarn. Ein 1 km Rundkurs auf einem Campingplatz, komplett flach, alles Asphalt. Wer legt in 144 Std. am meisten Kilometer zurück? Für solche Prüfungen gibt es Spezialisten. Simon sucht das nicht, aber er will es einmal gemacht haben. Die 666 km sind nicht ganz das, was er sich vorstellte, aber immerhin, es waren sechs friedliche Tage!
Roland: Auch vom Goldsteig Ultra Race 2017 (im Bayrischen Wald) über 661 km gibt es im Buch «Detrás de los horizontes» einen interessanten Bericht. Der erste Satz:
 
«Eine weitere Bestialität, eine weitere gigantische Herausforderung, die ich im September 2017 in einer wunderschönen Gegend Bayerns, im Südosten Deutschlands, an der Grenze zur Tschechoslowakei, erleben, ertragen und geniessen konnte.»
 
Roland: Und dann, 14 Seiten später, die letzten Sätze (Simon wurde Zweiter Overall):
 
«Ich erreichte das Ziel in Neunburg vorm Wald um 4:44 Uhr, nach 5 Tagen und 16 Stunden war das Goldsteig-Ultra-Race Geschichte. Ein weiterer Traum ist wahr geworden! Was willst du mehr? Ich war einfach nur glücklich!»
 
«Einmal mehr habe ich mich leiten lassen, habe die Energie und Positivität fliessen lassen, sie haben mich auf dieser Reise begleitet, haben mich bei diesem grossartigen und magischen Abenteuer ins Ziel geführt.»
 
Roland: Und welchen weiteren Challenges hast du dich noch gestellt?
 
Da gäbe es noch sehr viel aufzuzählen. Im Buch ist nur ein kleiner Teil aufgeführt, es ging 2019 in den Druck und bis 2022 war ich noch voll dabei. Während 10 Jahren bin ich immer wieder Ultras gelaufen, manchmal mit nur wenigen Wochen Pause dazwischen.
 
Wieso nicht mal eine Strecke mit einer 4-stelligen Streckenlänge wagen, das war auch so eine Spinnerei. Es gibt ein solches Rennen, das Mega-Race über 1001 km, das längste Cross-Country 1-Etappen Rennen der Welt. Das geschafft zu haben gibt mir grosse Zufriedenheit, erst recht mit dem Erreichen des zweiten Platzes.
 
Ein anderes Extrem ist der «TOR330 – TOR DES GÉANTS». Dieser Endurance-Trail geht über 330 km und einer positiven Höhendifferenz von 24‘000 m! Start und Ziel ist in Courmayeur im Aostatal. Du hast 150 Std. Zeit, du bist also auch hier eine ganze Woche von zu Hause weg.
 
Einer der krassesten Läufe für mich ist aber «The Spine» in England. Man sagt von ihm auch «Britains most brutal race». Eine extreme Angelegenheit, eine non-stop-Expedition, die deine Physis und deine Willenskraft aufs äusserste testet. 4mal habe ich teilgenommen, 3mal stand ich auf dem Podest.
 
Roland: Aber über diese harte Ausdauerprüfung möchte ich in einem der nächsten Hefte berichten.
Wie sah dein Training aus, solche Distanzen kann man ja nie trainieren.
 
Simon: In den letzten 3 Monaten vor den Läufen habe ich pro Woche zwischen 150 und 180 km trainiert. Ich arbeitete immer 100 %. Routinemässig sah das meistens so aus: +/- 10 km am Morgen vor der Arbeit und der gleiche Umfang wieder am Abend. Am Samstag ein Ruhetag und am Sonntag dann nochmals ca. 50 km.
 
Roland: Hast du alleine trainiert?
 
Simon: Ja, praktisch immer, ich hatte keine Zeit, mich noch mit jemandem zu verabreden, musste jede freie Minute nutzen. Leistungssport ist sehr, sehr zeitaufwändig, es gingen in diesen 10 Jahren auch die ganzen Ferien für die Extremläufe drauf.
Ich hatte nie einen Trainer oder einen Coach. Mit der gewonnenen Erfahrung habe ich ständig versucht zu optimieren, auch in Bezug auf die Ernährung. Ich habe mich auch immer wieder mit Leuten ausgetauscht, die so extreme Läufe machen. Wen willst du sonst fragen? Es gibt nicht viele, die über entsprechende Erfahrung verfügen und dich beraten können.
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Mit diesem Plakat (mit Bild von Simon Gfeller) wird zu einer Vortragsreihe über die sportliche Leistung bei Ultra-Trials eingeladen. Thema der Präsentation von Simon: «Müdigkeit und Erschöpfung sind Illusionen.» Wen wunderts?
​Roland: Wie siehst du deine Zukunft?
 
Simon: Im Moment mache ich läuferisch eine Pause, meine Arbeit ist jetzt hier in der Schweiz und hat Priorität. Ich geniesse es auch, Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Ich mache immer noch Sport, aber weniger auf Wettkampf, sondern mehr auf Genuss. Mein Körper dankt es mir. Die Aussicht geniessen, Leute treffen und Erlebnisse suchen, das steht jetzt im Vordergrund. Momentan bin ich weit weg vom Level, den ich vor 2 Jahren hatte.
 
Ich sage jetzt mal, spätestens wenn ich pensioniert bin, lebe ich wieder voll in Spanien. Es ist auch billiger dort! Es gibt warmes Wetter, das Mittelmeer, unglaublich gutes Essen, alles ist immer frisch, und es ist immerhin noch innerhalb Europas.
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